Nun proben Bahnkunden den Aufstand - 18.1.18

Immer wieder zu wenig Züge: Schüler, Eltern und Pendler organisieren Protest

Normales Bild um 7 Uhr: EIn Knäuel von Schülern drängt in Schemmerberg in den Zug. Häufig kommen nicht alle mit. Foto: Gregor Westerbarkei

Von Axel Pries

Laupheim/Kreis Biberach - Es sind gut 30 Menschen, die an langen Tischen versammelt sind. Fast keiner hat Erfahrung mit Ministerien und politischen Instanzen - erst recht nicht mit Einflussnahme darauf. Aber alle eint ein dringendes Anliegen: wieder eine verlässliche Personenbeförderung auf der Südbahn zwischen Ulm und Biberach zu bekommen. Die ist durch Vorfälle mit überfüllten Zügen im Pendler- und Schülerverkehr immer wieder negativ in die Schlagzeilen geraten. Jetzt reicht es Eltern und Pendlern. Man hat sich versammelt, organisiert und will gemeinsam mit Öffentlichkeit und Unterschriftenaktionen auf Verantwortliche einwirken: bei der Deutschen Bahn, aber vor allem in der Landesregierung.

"So kann es nicht weitergehen!", fasste am Dienstagabend Nicole Friedl die Stimmung bei vielen Eltern aus der Region zusammen. Die dreifache Mutter aus Obersulmetingen ist die Initiatorin der Versammlung verärgerter Bahnkunden. Nachdem sie wieder einmal morgens mit dem Auto einspringen musste, weil ihre Kinder in Schemmerberg in den übervollen Zug nicht hatten einsteigen können, wandte sich die 35-Jährige nach dem Ferienende mit einem Beschwerdebrief via Facebook an die Bahn und veröffentlichte ihn auch gleich. Prompt meldeten sich andere Betroffene zu Wort, deren Kinder wiederholt am Bahnhof zurückgeblieben waren. Die Geschichten machten schnell die Runde - und mittlerweile hallen die Protestrufe aus den Ortschaften entlang der Südbahn bis nach Stuttgart. Es gibt viele Betroffene: Schüler, Eltern und Pendler. Auch der Landrat des Alb-Donau-Kreises, Heiner Scheffold, und der CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Dörflinger zeigten öffentliche Entrüstung - und betonten ihre Bemühungen, das Problem im Verkehrsministerium anzusprechen.

Zielrichtung Stuttgart
Dorthin zielen jetzt auch die organisierten Protestler mit ihren geplanten Aktionen: auf das Verkehrsministerium, unter dessen Regie der Personennahverkehr im Ländle organisiert ist und das letztlich verantwortlich ist. So erklärte es Wolfgang Stühle, Rechtsanwalt in Laupheim und betroffener Vater, am Dienstag der Versammlung - verbunden mit einer eigenen Geschichte vom morgendlichen Chaos auf dem Bahnhof Schemmerberg. So hat das Land die Aufgabe des Schienennahverkehrs an die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg mbH (NVBW) übertragen, die wiederum zur Ausführung auf der Südbahn einen Vertrag mit der DB Zugbus Regionalverkehr Alb-Bodensee GmbH (RAB) geschlossen hat - einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn. Der Vertrag läuft noch bis Ende 2023. Die Bahn räumte auf Beschwerden aus der Kundschaft auch längst Schwierigkeiten ein und erklärt die mit unplanbaren Reparaturen an Dieseltriebwagen - aber versprach stets nur vage Besserung. Deshalb soll "die Politik" nun Druck ausüben.

Böse klingende Erfahrungen haben alle Protestler erlebt, die sich am Dienstag versammelten. Es sind Einwohner aus Laupheim, Ober- und Untersulmetingen, Baustetten, Mietingen oder auch aus Schemmerhofen. Unter ihnen auch Schemmerhofens Bürgermeister Mario Glaser, als Vater dreier Kinder selbst betroffen. Er wohnt in dem Ort, der als Brennpunkt immer wieder auftaucht: Schemmerberg. Mehrere Busverbindungen zu Schulen in Biberach sollen dort mit der Bahn um 7 Uhr ihre Fortsetzung finden - entsprechend das Gedränge von mehr als 100 Schülern am Bahngleis. Seit Monaten lautet die entscheidende Frage: Wie viele Waggons wird der bereits volle Zug aus Richtung Ulm haben? Sind es zwei, so fassen die Eltern zusammen, dann bleibt ein Teil der Schüler stehen. Sind es drei, kommen alle mit, aber es herrscht drangvolle Enge im Zug. Erst wenn vier Wagen kommen, sei die Fahrt zumutbar. So lautet die Formel, die ein Vater formuliert: "Der vierte Wagen, der hilft uns!"

Mädchen zurückgelassen
Vier Wagen sind selten, wissen die Bahnkunden inzwischen. Eltern erzählen Geschichten. Die des kleinen Mädchens etwa, das beim Halt in Warthausen aus dem übervollen Zug gedrängt wurde und zurückblieb. "Ich hatte ein Rotz und Wasser heulendes Mädchen am Telefon", erzählt die Mutter, die sofort mit dem Auto zu Hilfe eilte. Verbürgt ist die Tat eines Lokführers, der seinen Führerstand öffnete, um noch ein paar Kinder mehr mitnehmen zu können.

Dennoch: An den Schulen in Biberach ist die Verspätung der Schüler längst eine kalkulierte Größe. Während die Donau-Iller-Nahverkehrsverbund-GmbH (Ding) bei einer Stichprobe "nur" 15 übrig gebliebene Schüler zählte, geht man an Biberacher Schulen von 50 bis 80 aus, die häufig erst zur zweiten Stunde kommen. Die Zahl der verspäteten Pendler ist unbekannt. "Die Situation ist für uns Eltern und die Schüler untragbar", sagt Rudolf Brüggemann, Vorsitzender des Gesamtelternbeirats der Biberacher Schulen.

Gleich am Dienstag kristallisierte sich ein harter Kern von Aktiven heraus, die nun auf Bahnhöfen, in Schulen und Betrieben Unterschriften sammeln wollen. Das Ergebnis soll der Landtagsabgeordnete Dörflinger bekommen. Die Stoßrichtung formulierte Bürgermeister Glaser: "Der einzige Weg ist der politische Druck!“

"Si­tua­ti­on ist sehr, sehr är­ger­lich!"

"Die aktuelle Situation ist sehr, sehr ärgerlich!" So kommentiert der CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Dörflinger das Geschehen. Er ist Mitglied im Verkehrsausschuss des Landtags und daher dicht am Thema. Seine Forderung: "Der Vertragspartner (die Bahn, Red.) muss Qualität liefern." Tatsächlich sei es aber so, dass die Bahn jährlich mehrere Millionen Euro an Vertragsstrafe an das Land zahle. Ende Januar sei er bei einem Gespräch von Vertretern der Landesregierung mit dem Landrat des Bodenseekreises wegen der Probleme am anderen Ende der Südbahn dabei - da werde er auch die Probleme zwischen Ulm und Biberach anbringen. (aep)

Copyright Schwäbische Zeitung, Kreisausgabe Biberach - 18.1.2018

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