Handtmann stellt sich dem Umbruch mit neuen Ideen - 21.3.18

Wirtschaft, Wissenschaft und Politik diskutieren über autonomes Fahren und E-Mobilität

Sie haben über die Zukunft der Mobilität diskutiert: Jörg Hochhausen (von links), Franz Loogen, Michael Hagemann, Otto Sälzle, Thomas Dörflinger und Klaus Dietmayer.  Foto: Daniel Jenewein

Von Daniel Häfele

Biberach - Ein selbstfahrendes Auto tötet eine Fußgängerin - diese Schlagzeile zeigt neben all den Problemen bei der Entwicklung, dass autonomes Fahren keine Fiktion ist. Gleichzeitig verändert sich der Antrieb, der Trend geht vom Verbrennungsmotor hin zur Batterie. Die Automobilindustrie steht vor einem gewaltigen Umbruch, was auch Folgen für Zulieferer wie die Biberacher Unternehmensgruppe Handtmann hat.

Ölwanne, Kurbelgehäuse oder Zylinderkopfhaube - diese Teile von Handtmann braucht niemand mehr, sollte die E-Mobilität Verbrennungsmotoren ablösen. 2400 Menschen sind weltweit in der Sparte Leichtmetallguss und Systemtechnik beschäftigt. "Sie erwirtschaften zwei Drittel des Umsatzes der Unternehmensgruppe", so der Chef von Handtmann Service, Jörg Hochhausen, bei der Fachtagung "Zukunft der Chancen ergreifen - Herausforderungen meisten" am Montagabend in Biberach. Die Aluminium- und Magnesiumgussteile werden ausschließlich für die Automobilindustrie hergestellt, weshalb die Verantwortlichen die Entwicklungen genau beobachten.

Laut Michael Hagemann, Geschäftsführer Metallgusswerk, werden für einen Elektroantrieb 210 Teile benötigt, für einen Verbrennungsmotor dagegen 1400 Elemente. "Die verbleibenden Bauteile wollen natürlich alle anbieten, um zu überleben", erläuterte er. Deshalb befürchtet er einen härteren Konkurrenzkampf. Diesem möchte das Familienunternehmen mit Innovationen begegnen, schon heute entwickle man Leichtbauteile, die maßgeblich zur Reduzierung von CO2 und Stickstoff beitragen würden. Darüber hinaus bringt Handtmann neue Produkte auf den Markt. Gehäuse für Elektromotoren oder Batterien sind Beispiele.

In die Batterieproduktion wird das Unternehmen aber nicht einsteigen, wie Hagemann auf eine Frage aus dem Publikum entgegnete. Mehr als 200 Besucher, größtenteils aus der Wirtschaft, verfolgten die Veranstaltung. "Dieser Schritt wäre mit einem hohen Invest verbunden, den wir als Familienunternehmen in dieser Größenordnung nicht stemmen können", betonte der Metallgusswerk-Leiter. Er wolle sich deshalb lieber auf das Gehäuse von Batterien konzentrieren. Eine Montage von Batteriesystemen in Kooperationen mit anderen Partnern schloss er hierbei nicht aus.

Um als möglicher Zulieferer für E-Motoren wahrgenommen zu werden, hat das Unternehmen auf Expansion gesetzt. Standorte für Guss und Systeme gibt es nicht nur in Biberach und Annaberg, sondern auch in der Slowakei und in China. "Sie brauchen eine gewisse Größe, um Entwicklungsaufträge heranzuziehen", so Hagemann. Kommt nach der Expansion in Richtung Osten jetzt eine westwärts? "Wir haben das auf der Pfanne", so Hochhausen. Man könne nur auf internationaler Ebene wachsen - jedoch mit Augenmaß: "Bei China hatten wir ein Invest in Höhe von 80 Millionen Euro. So etwas muss erst einmal verdaut werden." Biberacher Beschäftigte müssten sich keine Sorgen um ihre Arbeitsplätze machen. Hochhausen: "Expansionen sind arbeitsplatzsichernd für Biberach."

Bei all den Herausforderungen zeigten sich die Redner zuversichtlich, dass die Region den Wandel schaffen kann. Franz Loogen, Geschäftsführer der Landesagentur E-mobil BW, machte deutlich, dass sich die Mobilität grundlegend verändern wird: "Wir reden hier nicht nur über Fahrzeuge, die einen etwas anderen Antrieb haben." Die Mobilität werde digitaler und vernetzter. Über den Forschungsstand bei selbstfahrenden Autos informierte Klaus Dietmayer von der Universität Ulm. Er rechnet damit, dass es noch Jahre dauern wird, bis voll automatisierte Fahrzeuge serienmäßig unterwegs sein werden.

Der Landtagsabgeordnete Thomas Dörflinger (CDU) betonte, dass die Politik die Wirtschaft auch in finanzieller Hinsicht begleiten wird. Laut ihm wird der Großteil der Wertschöpfung künftig durch die Batteriezelle erzielt, eine Serienfertigung von Batteriezellen muss daher hierzulande möglich sein: "Die deutsche Automobilwirtschaft mit ihren vielen mittelständischen Zulieferern darf sich nicht in die Abhängigkeit von asiatischen Unternehmen begeben." Der Hauptgeschäftsführer der IHK Ulm, Otto Sälzle, mahnte, dass Städte weiterhin Individualverkehr zulassen müssten: "Der Wandel in der Mobilität heißt nicht, dass nicht mehr gefahren wird." Autos an sich würden nicht verschwinden.

Copyright Schwäbische Zeitung - Kreisausgabe Biberach - 21.3.2018